Mehr als ein Dach über dem Kopf

Vom Wohnraum zum Lebensraum

Wenn Wohnbaugenossenschaften involviert sind, ist eines schon mal sicher: lebenswerter, günstiger und geschützter Wohnraum. Doch in ihren Statuten steckt noch mehr, denn sie basieren auf dem Mitspracherecht, dem Prinzip «Zusammen sind wir stärker» und Partizipation. Es gilt «Ein Mensch, eine Stimme» – ganz nach dem demokratischen Prinzip. Wer so die Verantwortung für seinen Wohnraum mitträgt, der fühlt sich ihm gemeinschaftlich verbunden und in der Genossenschaft entsteht ein Miteinander: Vorstände und vermehrt auch Siedlungsverantwortliche kümmern sich um die Anliegen der Bewohnerschaft und tragen zu einem funktionierenden Zusammenleben bei. Lösungen für nachbarschaftliche Probleme werden gemeinsam erarbeitet. Zusätzliche Grünflächen oder Räume für Kleingewerbe werten das ganze Quartier auf, auch für die umliegende Nachbarschaft. Aus der Siedlung wird ein Lebensraum.

Siedlungsassistenz - ein neues Berufsbild?

Auch Wohnbaugenossenschaften wandeln sich: Siedlungsassistenzen, Quartiermoderationen oder Community Workers sind heute Teile moderner Wohnkonzepte. Verschiedene, leicht zugängliche Anlaufstellen bieten ihren Bewohnerinnen und Bewohnern Unterstützung und Beratung, wenn es beispielsweise um die Frage des nachbarschaftlichen Siedlungslebens geht. Die WBG «Wir sind Stadtgarten» hat für ihre «Siedlungsassistenz» eine neue Wortkreation geschaffen und spricht von einer «Gesellschaftsgärtnerin». Bei der Eisenbahner-Baugenossenschaft Bern ist seit 2020 eine Siedlungsassistenz tätig mit dem Ziel, das nachbarschaftliche Leben in den EBG-Siedlungen zu aktivieren. In der Siedlung Holliger in Bern planen die sechs gemeinnützigen Bauträger, die Stelle einer Siedlungsassistenz zu schaffen. Auch in Bieler Wohnbaugenossenschaften gibt es Modelle von Siedlungsarbeit, u.a. bei der WBG «Daheim». Diese Entwicklung beschränkt sich nicht nur auf Genossenschaftssiedlungen. Auch in den Gemeinden werden zunehmend Stellen eingerichtet, die an der Community orientiert sind und das Zusammenleben fördern. Der soziale und demografische Wandel macht das auch nötig und stellt eine Nachbarschaft vor neue Herausforderungen, etwa in der Kinderbetreuung bei zunehmender Doppelbeschäftigung von Eltern. Solange das Berufsbild der Siedlungsassistenzen noch in der Entwicklung steckt, stehen oft widersprüchliche und ungeklärte Erwartungen im Raum. Doch das Profil ist vielversprechend, da die Siedlungsassistenzen das Zusammenleben in den Siedlungen fördern und beispielsweise Konflikte gezielt entschärfen.

Ewiges Wohnrecht?

Was ist schon wichtiger als eine günstige Miete? In Umfragen unter Genossenschafterinnen und Genossenschaftern hat sich ein anderer Faktor als entscheidend erwiesen: Wohnsicherheit – die Gewissheit, nicht wegen Kündigung kurzfristig ein neues Zuhause suchen zu müssen. Tatsächlich sind Genossenschaftsmitglieder in dieser Hinsicht rechtlich bessergestellt. Privatpersonen die Liegenschaften besitzen, können ihrer Mieterschaft wegen Eigenbedarf kündigen. Genossenschaften können das nicht. Das heisst, man hat lebenslanges Wohnrecht, sofern man sich keine schwerwiegenden Verstöße gegen die Genossenschaftssatzung zu Schulden kommen lässt. Und wie ist es bei Kündigung infolge einer Gesamtsanierung oder eines Ersatzneubaus? Genossenschaften planen diesen Fall auf lange Sicht und versuchen, Ersatzlösungen für ihre Bewohnerschaft weit im Voraus zu organisieren. Die Mitgliedergenossenschaften verfügen ausserdem über ein Statut, das verlangt, bei der Vermietung zuerst die eigenen Mitglieder zu berücksichtigen. Ein weiterer wichtiger Faktor ist die stabile Mietzinspolitik. Die Genossenschaften sind nicht gewinnorientiert. Sie wirtschaften allein im Interesse der Genossenschaft und ihrer Mitglieder – und dies langfristig. In erster Linie geht es darum, Kosten zu decken und für Reparaturen und Instandhaltungen gewappnet zu sein. Somit kann der "Mieter" sein Haushaltsbudget mit einem stabilen Ausgabeposten kalkulieren.

Unser Lebensmittelladen - einkaufen, arbeiten, sich treffen

Freiwillige aus dem Falbringen- und dem Schützengasse-Quartier in Biel betreiben zusammen mit den zwei Ko-Geschäftsleitenden und einem Team von Teilzeitangestellten die «Épicerie 79a» in gemeinsamer Selbsthilfe als Genossenschaftsladen. Der Laden führt ein reiches Sortiment an Produkten des täglichen Bedarfs mit Lebensmitteln aus der Region, in Bio- aber auch in konventioneller Qualität. Auch ein Elektro-Cargobike lässt sich über den Laden mieten. Die Épicerie 79a bietet Praktikumsplätze für die Arbeitsintegration und ermöglicht in Zusammenarbeit mit dem Bill-Haus einer Person eine sinnvolle Beschäftigung. Von der umliegenden Nachbarschaft wird der Laden rege genutzt und ist somit ein wichtiger Begegnungsort für das ganze Quartier. Lokales Kleingewerbe statt Ladensterben.

Bild: Die Épicerie 79a – ein Begegnungsort integriert im Quartier

NEUE WOHNFORMEN: LÖSUNGEN FÜR DIE ZUKUNFT?

Die Zahl der Einpersonenhaushalte steigt, Vereinsamung ist ein grosses Thema. Neue Formen des Zusammenlebens werden vermehrt gefordert. Die Immobilienwirtschaft reagiert nur sehr zögerlich auf die neuen Bedürfnisse und baut weiterhin primär konventionelle Wohnungen mit drei bis vier Zimmern. Wohnbaugenossenschaften spielen hier eine wichtige Rolle. Sie realisieren Raum für neue Ideen und Experimente.

EXPERIMENTELLES WOHNEN IN DER WBG WARMBÄCHLI

Die WBG „Warmbächli“ wurde gegründet von Menschen auf der Suche nach Raum für neue Wohnformen. Neben den üblichen 1.5- bis 5.5-Zimmer-Wohnungen, Gemeinschaftsräumen und einem gemeinsam betriebenen Dachgarten entstehen acht Grosswohnungen für bis zu zwölf Personen. Diese haben unterschiedliche Profile: bescheidene Grundrisse und Ausstattung für jüngere Leute mit knappem Budget, grosszügige Cluster-Wohnungen mit Zimmern mit eigenem Bad tendenziell für ältere Leute und weitläufige Einheiten mit vielen Gemeinschaftsräumen, damit sich mehrere Familien eine Wohnung teilen können. Für handwerklich Begabte entsteht darüber hinaus eine 280 m² grosse Halle, in der die Zimmer komplett eigenständig geplant und gebaut werden können. Der Einzug ist vor Ende 2021 geplant.

Bild: Grundriss einer Grosswohnung Typ «Kind&Kegel» mit 11.5 Zimmern

MITBESTIMMUNG – MITVERANTWORTUNG

Bei Mietergenossenschaften ist Mitreden angesagt. Sie funktionieren nach dem urdemokratischen Prinzip «Ein Mensch – eine Stimme». Die Generalversammlung bildet das oberste Organ des Unternehmens und setzt sich aus allen Genossenschafterinnen und Genossenschaftern zusammen. An diesem jährlich stattfindenden Anlass können sie Anträge zu verschiedenen Themen stellen – vom einfachen Grillplatz über künftige Bauprojekte bis hin zu strategischen Entscheiden oder zu Statutenänderungen – und stimmen dort auch gleich über die Anträge ab. Ausserdem muss der Vorstand gegenüber der Generalversammlung Rechenschaft ablegen – und auch dort haben die Mitglieder das letzte Wort. Entsprechend dem Grundsatz «Wer Rechte hat, hat auch Pflichten» tragen alle Mitglieder auch Mitverantwortung für das genossenschaftliche Unternehmen.

MITSPRACHE AUCH FÜR MIETERINNEN UND MIETER

Weil «normale» Mietshäuser selten partizipativ organisiert sind, hat die Stiftung Wohnqualität ein Mietmodell für Mitbestimmung der Mieterschaft entwickelt. Der Mieterschaft wird dadurch unmittelbare Mitwirkungs- und Gestaltungsmöglichkeiten in ihrem Wohnumfeld gegeben. Das Mietmodell sieht beispielsweise vor: die Mitsprache bei der Gestaltung von Wohnung, Haus und Garten für Erstbezüger, Selbstverwaltung des Hauses mit allen Rechten und Pflichten, Mitbestimmung bei der Mieter*innen-Auswahl und ein Vorkaufsrecht für den Hausverein. Gemeinnützige Aktiengesellschaften wie die npg AG oder die wok AG haben bereits von diesem Mietmodell Gebrauch gemacht. Es fördert nicht nur die Identifikation mit einer Siedlung, sondern hat auch eine wirtschaftliche Entlastung zur Folge – für die Mieterschaft dank Eigenleistung und für die Vermieterin dank bedeutend geringerem Verwaltungsaufwand.

WOHNEN IN DER ZWEITEN LEBENSHÄLFTE – BEISPIEL „MUTTIMATTE“

Die meisten Menschen wollen auch im fortgeschrittenen Alter möglichst lange selbstbestimmt und nach ihren individuellen Bedürfnissen leben können. Dabei möchten sie aber nicht auf Sicherheit und Geborgenheit verzichten. Mit dem von der Wohnbaugenossenschaft „biwog“ entwickelten Konzept auf der Muttimatte in der Gemeinde Brügg wird der Wunsch nach würdevollem Altern in den eigenen vier Wänden berücksichtigt. Der Wohnungsmix spricht gezielt eine Mieterschaft in der 2. Lebenshälfte an. Ob zu zweit oder als Einzelperson – die Siedlung bietet altersfreundliche und schwellenlose Wohnungen, um bis ins hohe Alter unabhängig und komfortabel wohnen zu können. Sollte das Leben in den eigenen vier Wänden eines Tages nicht mehr ohne Unterstützung möglich sein, stehen verschiedene Dienstleister in naher Umgebung zur Verfügung. Im südlichsten Haus der Siedlung befindet sich ein grosszügiger und hochwertiger Gemeinschaftsraum, der als Begegnungszone konzipiert ist und auch von Auswärtigen genutzt werden kann. Die Siedlung konnte Anfang 2017 den Genossenschafter*innen übergeben werden. Seither haben die Bewohner*innen eine starke Gemeinschaft gebildet, bei der jede den anderen unterstützt.

Bild: Projekt Muttimatte, Brügg: Balkone, Terrassen und Grünflächen unterstützen die Kontaktaufnahme unter den Anwohnern

MEHRGENERATIONENWOHNEN - EIN BLICK NACH DEUTSCHLAND

Das Mehrgenerationen-Mietwohnprojekt Alte Schule Karlshorst in Berlin ist eine innovative Reaktion auf lokale Veränderungen wie eine alternde Gesellschaft und steigende Mietspreise. Die Mietergenossenschaft „Selbstbau“ erwarb und renovierte 2006 mehrere Altbauten, u.a. das Gebäudeensemble der Alten Schule, und entwickelte sie unter Partizipation der zukünftigen Bewohnenden zu Co-Housing-Projekten. Zeitgleich erwarb die gemeinnützige Stiftung trias das Grundstück und verpachtete es für 99 Jahre der Genossenschaft, um das langfristige Bestehen des Projekts zu gewährleisten. Heute leben 60 Personen aller Altersgruppen in den zu 21 Wohnungen umgebauten früheren Klassenräumen. Wichtige inhaltliche Ziele des Projekts sind das Zusammenleben und die gegenseitige Unterstützung zwischen den Generationen. Ein Drittel der Wohneinheiten ist älteren, behinderten und pflegebedürftigen Menschen vorbehalten. Zusätzlich ist eine Wohngemeinschaft für Kinder und Jugendliche aus schwierigen sozialen Verhältnissen in der Alten Schule zuhause.